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Die Überforderung der Ökonomie

„Die Gefahr einer neuen Finanzkrise ist groß,“ so lautet die Überschrift eines Interviews in der Online- Ausgabe der Wirtschaftswoche vom 12.9.2016.

Interviewt wird Thomas Mayer, der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Mayer ist mittlerweile Gründungsdirektor des Flossbach-von Storch- Research-Instituts. Flossbach von Storch gehören zu den größten deutschen unabhängigen Vermögensverwaltern und bieten auch so genannte Publikumsfonds an. Anlass des Interviews ist ein neues Buch von Professor Mayer: „Die neue Kunst Geld anzulegen“. In dem Werk kritisiert Mayer die moderne Finanztheorie, wie sie an Universitäten gelehrt wird.

Im Gespräch mit der Wirtschaftswoche äußert Mayer, dass die vorherrschende Finanztheorie, welche das Gerüst für die akademische Analyse der Finanzmärkte bilde, auf Annahmen beruhe, welche weit von der Realität entfernt sein.

„So behauptet die Theorie, die Märkte seien effizient, weil die Menschen rationale Erwartungen hätten. Sie unterstellt, die Menschen seien vollständig informiert und wüssten genau wie die Welt funktioniert. Schon der gesunde Menschenverstand sagt, dass das absurd ist – die Annahmen der modernen Finanztheorie sind nicht zu halten, ihr intellektuelles Gebäude ist morsch, ihre Formen sind wertlos,“ so Mayer wörtlich in der Wirtschaftswoche. Auch Meyer jedoch hat keine Patentlösung. Er möchte eine Rückkehr zu den Grundlagen der so genannten österreichischen Schule, welche basierend auf den Annahmen von Hayek und Mieses eine Ökonomie möglichst frei von Interventionen staatlicher oder überstaatlicher Institutionen einfordert. Hayek und Ludwig von Mieses stehen für Neoliberalismus pur.

„Statt mehr zu regulieren, sollten wir eines der Grundprinzipien der Marktwirtschaft aus Einheit von Handeln und Haftung wiederherstellen. Wer handelt, muss auch für die Folgen haften. Nur so lässt sich verhindern, dass Entscheidungen getroffen werden, deren Folgekosten der Allgemeinheit aufgebürdet werden. Wer sich an den Finanzmärkten finanziell übernimmt, muss auch in Konkurs gehen können. Das gilt auch für Banken. Setzt man dieses Prinzip um, kann man sich große Teile der Regulierung sparen.“

Gefragt, was denn nun in der heutigen Zeit ein Geldanleger tun soll, bleibt jedoch auch Mayer im üblichen Kontext. Er empfiehlt ein diversifiziertes Portfolio aus Aktien gut geführter Hersteller höherwertige Konsumgüter. Indirekt propagiert Meyer damit natürlich dem regelmäßig über Fachwissen verfügenden Anleger das Investment bei einem gut geführten Vermögensverwalter. Zur Investition in Immobilien sagt Thomas Meyer , nicht alles auf eine Karte zu setzen, um keine so genannten Klumpenrisiken zu bilden. Die gesamte Anlage eines privaten Vermögens sollte derartig gestaltet sein, dass sie auch Schocks überlebt, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Die Lage an den Währungsmärkten sieht Meyer kritisch. „Der Euro wird die erste Papierwährung sein, die ins Trudeln gerät. Daher empfiehlt es sich besonders für Anleger aus dem Euro Raum, die Alternativwährung Gold im Portfolio zu halten,“ so der letzte Satz dieses Interviews aus der Wirtschaftswoche.

Systemimmanent gedacht, ist das, was Thomas Meyer für den Geldanleger empfiehlt, nicht falsch. Thomas Meyer wie auch andere Ökonomen von Rang, seien es nun beispielsweise der Professor Sinn oder auch der eher linksorientierte Heiner Flassbeck, versuchen alle auf ihre Art mit unterschiedlichen Vorschlägen sich einer Lösung der seit den Jahren 2008/2009 zum Ausbruch gekommenen und weiter andauernden Wirtschaftskrise zu nähern. Der Durchschnittsbürger in der Bundesrepublik dürfte wahrscheinlich der Ansicht sein, es bliebe auch in Zukunft im Wesentlichen alles so wie es bisher war. Im Vergleich zu anderen Ländern steht auch tatsächlich momentan BRD nicht allzu schlecht da.

Das etwas grundsätzliches nicht mehr stimmt, merkt jedoch jeder, der für seine Spareinlagen gar keine Zinsen mehr oder gar noch Gebühren zahlen muss. Ich habe noch niemanden getroffen, auch unter älteren Menschen, welche so etwas jemals erlebt haben. Ebenso liest der Durchschnittsbürger täglich in der Zeitung, dass es Personalabbau gibt. Bei Banken, Sparkassen, Versicherungen, in der Automobilindustrie oder auch im Maschinenbau. Aber ihn persönlich betrifft dieses Phänomen meistens nicht oder noch nicht. Durch ein psychologisch schwer erklärbares Phänomen scheint die Mehrzahl der Bürger der Ansicht zu sein:

Ich komme schon davon, Wirtschaftskrise hin oder her.

Ist es Unkenntnis oder Verdrängung, dass in der Öffentlichkeit vergleichsweise wenig über eine kommende revolutionäre Entwicklung diskutiert wird, deren Ansätze wir alle bereits täglich erleben?

Ich meine das, was gewöhnlich als Industrie 4.0 bezeichnet wird. Anfang des Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos war das durchaus ein Thema, wurde jedoch weit gehend hinter verschlossenen Türen diskutiert.

Jeder der es will, hat die Möglichkeit, sich entsprechend sachkundig zu machen.

im Netz sind alle wesentlichen Informationen über Industrie 4.0 vorhanden. Was beispielsweise im amerikanischen Silicon Valley bereits jetzt zur Serienreife entwickelt wurde, sprengt jede Dimension. Und auch anderswo ist man nicht untätig. Was die Menschen im Rahmen von Automatisierung oder nennen wir es Digitalisierung bevorsteht, geht über vergangene technologische Sprünge weit hinaus, dem Grunde nach ist es einmalig und unvergleichbar. Ein Quantensprung. Das kapitalistische System, welches für vielerlei Fortschritt in den letzten 250 Jahren verantwortlich war, basiert, vereinfacht gesagt, auf einem mehr oder weniger ausgeglichenem Zusammenspiel von Kapital und Arbeit. Der technologische Sprung, welcher uns jedoch nun bevorsteht, führt allerdings zu einem weit gehenden Verschwinden dessen, was wir gewöhnlich als Arbeit bezeichnen und dabei Lohnarbeit meinen. Es geht nicht mehr um quantitative Faktoren, sondern um weit mehr:

Die Qualität, d.h. die Art und Weise der Warenproduktion und Erstellung von Dienstleistungen ändert sich in naher Zukunft grundsätzlich.

Das hat jetzt nichts mehr zu tun mit dem was seinerzeit für die Weber die Einführung des mechanischen Webstuhl zwar. Waren es lange Zeit nur die einfachen schematischen Tätigkeiten, welche automatisiert werden konnten, so sind es zukünftig auch komplexere Aufgaben, die durch Maschinen ersetzt werden können. Manch ein Hochschulabsolvent dürfte sich in zehn oder 15 Jahren wundern, wo sein Beruf geblieben ist.

Kapitalismus ohne Wachstum ist denkunmöglich. Wenn jedoch der technologische Fortschritt sich in der bereits jetzt vorhandenen Geschwindigkeit fortsetzt oder gar noch schneller vor sich geht, wird das zum Systemerhalt erforderliche Wirtschaftswachstum derartig exorbitant sein müssen, dass das System entweder explodiert oder einfach in sich zusammen fällt.

Die meisten Ökonomen, egal welcher Denkschule Sie heute angehören, befinden sich jedoch fast ausnahmslos immer noch im Gefängnis der Denkmuster, welche seit Adam Smiths Zeiten die Eckpfeiler der Grenzen gesetzt haben, in welcher sich Wirtschaftswissenschaft zu bewegen hat.

Alles hat irgendwann einmal ein Ende, möglicherweise auch das System, welches wir als Kapitalismus bezeichnen.

In der neuen Zürcher Zeitung vom 11.5.2016 findet man einen Hinweis, was der große Ökonom John Maynard Keynes bereits im Jahre 1930 formulierte:

„Müssen wir nicht einen allgemeinen Nervenzusammenbruch erwarten? Schließlich habe die kulturelle Evolution über zahllose Generationen hinweg die Moral, die Impulse und tiefsten Instinkte der Menschen darauf ausgerichtet, im Kampf gegen die Knappheit Ihr Los zu bessern, also zu streben und nicht zu genießen. Der Ökonom empfahl, Vorbereitungen zu treffen, zu experimentieren und aktiv die Praxis der Lebenskunst zu fördern. Und das bisschen sinnstiftende der Arbeit, dass in Zukunft noch zu verrichten sei, könne man gleichmäßig und gerecht auf die Bürger verteilen, wenn man die Arbeitszeit allgemein auf vielleicht 15 Stunden in der Woche begrenze.“ Keynes hat seinerzeit die Dynamik expandierenden Märkte unterschätzt und war somit ziemlich früh mit seiner Analyse. Aber in der Tendenz lag er richtig, ebenso wie Marx, welcher einige Jahrzehnte zuvor ähnliche Entwicklungen zu erkennen glaubte. Aber Erkenntnisse, welche zu der Zeit, in welcher sie geäußert wurden, lediglich als visionär zu betrachten waren, sind nicht deshalb falsch, weil die Fakten sich erst einige Jahrzehnte später zu realisieren beginnen.

Heute sind ausreichend Ressourcen vorhanden, um allen Menschen ein adäquates Grundeinkommen zu gewährleisten. Was der Einzelne daraus macht – im klassischen Sinne faul sind nur wenige Menschen – bleibt dann dem Individuum überlassen.

Die zukünftig notwendigen gesellschaftlichen Umstrukturierungen sind ökonomisch möglich. Man kann nur hoffen, dass auch bei den so genannten Eliten Einsicht und Vernunft die Oberhand gewinnen. Letztlich ist alles eine Machtfrage.

Ein gutes Wochenende
wünscht Ihnen
Herzlichst

ihre Jacqueline Hartmann

2016-11-17T22:35:02+00:00 16. September 2016|