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Höheres Renteneintrittsalter trotz fortschreitender Automatisierung?

Plötzlich war sie wieder da, die Diskussion über das Renteneintrittsalter. „Bundesbank für Rente mit 69 Jahren,“ lautete die Überschrift in der FAZ vom 15.8.2016.

„Gabriel hält Rente mit 69 für bekloppte Idee,“ so ein Tag später im selben Blatt die Gegenposition.

Für Denker mit eingeengten Blickwinkel, seien es nun Professoren der Volkswirtschaft, welche von ihren Lehrstühlen aus ihren Studenten seit Jahrzehnten Theorien vermitteln, welche mit den faktischen Realitäten wenig bis nichts zu tun haben oder aber Bundesbanker ähnlicher Couleur, ist die Rechnung ziemlich einleuchtend. Immer mehr Menschen gehen in Rente und immer weniger junge Menschen treten in das Arbeitsleben ein, weil sich die Geburtenrate in den letzten Jahrzehnten halbiert hat. Da die Rente überwiegend durch ein Umlageverfahren finanziert wird , liegt es offenbar auf der Hand, dass die Alten länger arbeiten müssen, weil sonst der Rentenbeitrag der Jungen erhöht werden müsse. Beiträge zur gesetzlichen Rente zählen für Unternehmen zu den so genannten Lohnnebenkosten. Höhere Kosten, weniger Gewinn.

„Kampf der Prozessoren,“ so die Überschrift eines Fachartikels im Handelsblatt vom 18. August dieses Jahres. „Künstliche Intelligenz und Datenanalyse sind die Zukunftsfelder der IT doch dafür braucht man spezielle Prozessoren,“ so das Blatt weiter. Im weiteren Verlauf des Beitrages wird der sich zuspitzende Wettbewerb um den besten Computer Chip beschrieben. Bislang ist die Firma Intel in diesem Segment Marktführer. Der Angreifer mit möglicherweise besserer Technologie heißt Nividia. Fast jedes Unternehmen ob klein oder groß und egal wo auf der Welt hat heute mit IT zu tun, direkt oder indirekt. Schritt für Schritt wird, vereinfacht gesagt, das was, ein Computer momentan noch häufig vor Ort erledigt, in ausgelagerte, so genannte Clouds verlegt. Mehr und mehr Unternehmen kaufen keine eigenen Server mehr, sondern gehen direkt in eine Cloud. Zukünftig werde mehr als 50 % der Datenanalyse in Clouds vorgenommen, so Diane Bryant von Intel. Dabei ist so genannte künstliche Intelligenz – auf gut Deutsch: Computer lernen von Computern – besonders wichtig. „Es geht um die blitzschnelle Abarbeitung von unglaublichen Datenmengen,“ so schreibt das Handelsblatt. Das ganze habe mit den Prozessoren, welche für einfache Textverarbeitung oder Websurfing erforderlich seien, nur noch wenig zu tun.

– Auf Deutsch: Auch die Computer rationalisieren sich selbst. –

Und nun greift Nividia, eigentlich ein Spezialist für Grafikkarten, den Marktführer Intel frontal an: Die bei Nividia jetzt neu entwickelten so genannten GPU-Chips, können eines rasend schnell: „Immer wiederkehrende Aufgaben abarbeiten. Idealbild für „ deep leaning“ also das Trainieren von künstlicher Intelligenz.“ Soweit meine kurze Inhaltsangabe eines Fachartikels des Handelsblattes. Ein Artikel aus einer Welt, welche den meisten Menschen völlig fremd erscheint.

Warum schreibe ich das hier in meiner Kolumne und was hat das alles mit der Rentenproblematik zu tun, könnten Sie sich jetzt fragen.

Weil das Ganze mit Arbeit und Arbeitsplätzen zu tun hat ist die Antwort.

Die Automatisierung Digitalisierung, künstliche Intelligenz usw. hat mittlerweile ein Tempo erreicht, welches manch einen schwindeln lässt. Vieles konnte daher in der so genannten Realwirtschaft noch gar nicht umgesetzt werden kommt aber schrittweise mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch dort an.

Ich habe an dieser Stelle schon gelegentlich über dieses Phänomen, welches auch unter dem Schlagwort Industrie 4,0 behandelt , geschrieben.

Studien des MIT, der wohl größten und kompetenteren Denkfabrik der Erde, sowie der University auf Oxford weisen schon seit längerem auf den Wegfall von mehr als 50 % aller momentan vorhandenen Arbeitsplätze hin. Vielleicht werden es aber auch noch mehr werden. Eine Zeit lang war im kapitalistischen System jeder technologische Fortschritt, man denke nur an das Fließband, mit stetiger Produktverbesserung und Produktionserweiterung von Massengütern verbunden.

Neue Märkte konnten erschlossen werden, dadurch wurden Arbeitsplätze geschaffen und die Lohnsteigerungen der beschäftigten waren ausreichend um einen Großteil dieser Produkte auch selber kaufen zu können.Die Gewinne der Unternehmen wurden überwiegend reinvestiert. Der Quantensprung durch die Digitalisierung, welche vor einigen Jahrzehnten begann, ist jedoch derartig revolutionär, dass das bisherige Wirtschaftssystem in seiner jetzigen Form dauerhaft kaum weiterbestehen kann. Der technologische Fortschritt wächst schneller als jedes denkbare wirtschaftliche Wachstum. Der so genannte Grenznutzen beispielsweise bei einer Investition in ein klassisches Industrieprodukt, sei es nun ein Auto oder Handy geht tendenziell gegen null. D.h. ein Unternehmen, welches investiert erhält zukünftig nicht mehr den zu erwartenden oder gar keinen Profit mehr. Für die meisten Dienstleistungen gilt tendenziell ähnliches.

– Zur Erklärung: Ein Grenznutzen von null ist beispielsweise dann erreicht, wenn bei der Herstellung von 10.000 Blatt Papier das Blatt 10.001 faktisch nichts mehr kostet –

Diese Superkrise des Produktionssystems ist auch die Ursache für einen ins uferlose gewachsenen Finanzsektor, welchen es in früheren Zeiten überhaupt gar nicht gab.

Die Unternehmen sind quasi gezwungen hier ihr Geld unterzubringen und dann wird Blase nach Blase in so genannten Zertifikaten und Derivaten erzeugt. Würden die Notenbanken diese gesamte Entwicklung nicht mit immer weiteren so genannten Gelddrucken befördern, wäre dieser gesamte virtuelle Geldhaufen, welcher mittlerweile ein Vielfaches des gesamten weltweiten Bruttoinlandsproduktes ausmacht, schon längst in sich zusammen gefallen. Man schiebt das Problem einfach vor sich her. Man versucht durch grenzenloses Schuldenmachen eine notwendige Systemveränderung immer weiter vor sich herzuschieben. Übrigens sind auch die stetig steigenden Preise für Immobilien, Gold, Oldtimer oder Preissprünge am Kunstmarkt ein Teilsymptom des Gesamtproblems.

Menschliche Arbeit oder das, was wir bislang unter Arbeit verstehen, wird stetig aber offenbar unumkehrbar stetig weniger notwendig, oder dort, wo sie noch eingesetzt wird, Schritt für Schritt geringer bezahlt. Dieses vor etwa 30 Jahren langsam anwachsende Phänomen ist etwas völlig Neues, in dem seit nun fast 250 Jahren bestehenden Wirtschaftssystem, welches sich Marktwirtschaft nennt. Marktwirtschaft unter kapitalistischen Bedingungen unterliegt dem Zwang zum stetigen Wachstum, sonst funktioniert sie nicht.

Die Digitalisierung/Automatisierung verläuft in einer derartig hohen Geschwindigkeit, dass kein vorstellbares Wirtschaftswachstum damit Schritt halten kann. Die Grenznutzentheorie belegt das sehr genau, vom dauernden ausufernden Ressourcenverbrauch will ich hier gar nicht erst sprechen.

Diese Tatsachen betreffen uns alle. Nicht nur die Kassiererinnen am Supermarkt, U-Bahn Fahrer oder Lokführer, welche in anderen Ländern der Erde schon jetzt weg rationalisiert werden oder bereits wurden. Auch so genannte „ höherwertige“ Berufe sind oder werden betroffen sein. Das betrifft den Bankangestellten ebenso wie den gewöhnlichen Steuerberater oder Finanzbeamten, aber auch Ingenieure und Architekten werden zu den Betroffenen gehören. Wenn Sie Ihre Tageszeitung in den letzten Wochen aufmerksam gelesen haben, so werden sie selber wissen, dass die Schließung von tausenden von Filialen der Sparkassen und Volksbanken hier in der BRD gerade in vollem Gange ist. Die Herstellung von Industrieprodukten in Fabriken, in welchen kaum noch Menschen arbeiten, kann bereits jetzt überall auf der Welt beobachten werden. Machen Sie doch einfach mal eine Werksführung bei VW oder Opel. Wie gefährdet sogar Jobs in als ganz besonders hoch qualifizierten Berufen ebenfalls bedroht sind konnte ich in einer Ausgabe der Immobilienzeitung vom 16.6.2016 lesen:

Roboteranwälte im Immobilienrecht,“ lautete die Überschrift. „Wir haben ihm viel beigebracht. Manchmal komme ich mir vor wie sein Coach“, sagt Cornelia Thaler. „Wer die Immobilienrechtlehrerin der internationalen Kanzlei Clifford Chance hört, könnte meinen, sie Rede über Ihr Patenkind oder einen Jungen Anwalt mit wenig Berufserfahrung. Doch Thaler spricht nicht über einen Menschen sondern über ein Programm, das Sie fortlaufend mit Daten füttert und dass bei den Deals für Ihre kanadischen Mandanten geholfen hat . Der Kauf des Hochhauses am Potsdamer Platz war eine der größten Immobilientransaktionen des vergangenen Jahres. „Das Programm ist eine unglaubliche Erleichterung für uns alle“, gerät Thaler in Schwärmen „und es wird den Anwaltsberuf verändern.“

Ich persönlich frage mich, ob es nicht langsam an der Zeit ist, diese in elitären Zirkeln allseits bekannten Phänomene endlich in einer großen Öffentlichkeit zu diskutieren. Meinetwegen kontrovers, aber hart und offen unter Einbeziehung aller Fakten, was zunehmende Automatisierung für eine Gesamtgesellschaft bedeutet. Eine Diskussion über ein Renteneintrittsalter sei es nun mit 50, 60,70 oder meinetwegen auch mit 80 dürfte sich dabei er übrigen.

Ich meine, man sollte nicht allzu lange damit warten, denn die Vorstellung vom lebenslangen Arbeiten, die geht langsam dem Ende zu. Der Arbeitsbegriff als solcher bedarf einer Neudefinition. Weniger oder gar nicht arbeiten ist nicht gleichzusetzen mit Nichtstun.

Eine Freiheit der besonderen Art, wo der Mensch meistens das tut, was er am besten kann oder wozu er Lust hat. Alle Ressourcen sind zukünftig weltweit dafür vorhanden. Nur mit dem kapitalistischen System, wie wir es jetzt kennen und welches die meisten von uns derartig verinnerlicht haben, dass sie sich etwas anderes gar nicht mehr vorstellen können ist das natürlich nicht zu machen.

Hoffentlich sehen zumindest einige unserer heutigen Eliten dieser Angelegenheit ähnlich. Bei einem unkontrollierten wirklich großen plötzlichen Systemzusammenbruch droht sonst die nackte Barbarei. Ein gutes Wochenende wünscht Ihnen,

Herzlichst
ihre Jaqueline Hartmann

2016-11-17T22:40:04+00:00 19. August 2016|